Gießener Allgemeine 15.10.2021

31 Jahre Aktivismus und Hilfe

Von Jonas Wissner

Kleidersammlungen, Hilfskonvois, Erholung für Kinder: In 31 Jahren hat der Langgönser Arbeitskreis »Leben nach Tschernobyl« viel bewirkt und auch gegen Atomkraft mobil gemacht. Nun stellt er seine Arbeit ein. Was bleibt nach all den Jahren - und warum kommt nun das Aus?

Reaktorunfälle hatte es auch zuvor gegeben, doch dieser war ohne Beispiel: Am 26. April 1986 kam es im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl zu einer atomaren Katastrophe, nachdem ein Test völlig aus dem Ruder gelaufen war. Der Wind trieb freigesetzte Strahlung auch nach Deutschland, doch viel verheerender waren die Folgen im Umfeld des Kraftwerks in der heutigen Ukraine. Wie viele Menschen dadurch krank wurden oder gestorben sind, ist bis heute umstritten.

35 Jahre später sitzen Eberhard Klein, Gerhard Keller und Reinhard Knauf in Lang-Göns an einem Tisch voller alter Dokumente und blicken zurück. Wie sehr die Auswirkungen des Atom-GAUs auch ihr Leben prägen würden, konnten sie 1986 noch nicht wissen. Doch heute können sie Bilanz ziehen: Im Oktober 1990 gründete sich der Arbeitskreis (AK) »Leben nach Tschernobyl« in der Evangelischen Kirchengemeinde Lang-Göns - als betont überparteiliches Bündnis mit dem Ziel, politisches Engagement gegen Atomkraft mit humanitärer Hilfe für Opfer von Tschernobyl zu verbinden. Die drei Männer waren von Anfang an dabei.

Nun, nach 31 Jahren, hört der Arbeitskreis auf. »Dass die Aktiven es bei aller Unterschiedlichkeit geschafft haben, gemeinsam an diesem Projekt zu arbeiten, halte ich für eine Erfolgsgeschichte an sich«, sagt Klein. Bis zuletzt seien fast alle Mitstreiter der ersten Stunde an Bord geblieben - und über die Jahre viele weitere hinzugekommen, die sich eingebracht haben. Ob bei Benefizkonzerten, Flohmärkten, Kleidersammlungen, Hilfskonvois, Erholungsreisen für Kinder aus der Ukraine oder anderen Aktionen.

Die Biografien der drei Mitbegründer sind sehr unterschiedlich und zeigen exemplarisch die Breite des Bündnisses: Klein war bis 1997 Pfarrer in Lang-Göns, später unter anderem Jugendpfarrer der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Klein ist Gymnasiallehrer, 1980 war er Bundestagskandidat für die Grünen und in den Jahren darauf bei Protesten gegen Atomkraft in Brokdorf und Gorleben aktiv. Knauf ist gelernter Buchhändler, sein Beruf führte ihn auch ins Ausland, unter anderem in die Sowjetunion.

»Anfangs ging es darum, persönliche Kontakte zu bekommen«, blickt Keller zurück, doch die Kommunikation sei schwierig gewesen. Schließlich habe er 1990 über den Vizepräsidenten des Komitees »Kinder von Tschernobyl« in der Ukraine 60 Adressen von Familien erhalten. Sie waren Ende April 1986 aus der Stadt Prypjat in Sichtweite des Reaktors nach Borispol evakuiert worden, als es beinahe schon zu spät war. Dass ihre Heimat auf unbestimmte Zeit Sperrzone bleiben würde, wussten sie damals nicht.

Viele Eindrücke aus und Begegnungen in Borispol haben sich eingebrannt. Beim zweiten Hilfskonvoi 1992, berichtet Knauf, sei man auf ein Altenheim hingewiesen worden, wo Hilfe dringend gebraucht werde. »Der Heimleiter hat uns durch das Haus geführt. Da fällt einem nichts mehr ein«, sagt er. »Die Matratzen waren teils urindurchtränkt, wir haben sie rausgeschmissen, mit Benzin verbrannt - und das Altenheim dann quasi neu aufgebaut.«

Auch eine Klinik in dem Ort habe man immer wieder gezielt mit Nachschub versorgt, dort eine »Tschernobyl-Apotheke« aufgebaut. Über die Jahre wurden neben Spielzeug, Kinderwagen und vielem mehr auch Massen an medizinischen Gütern von Langgöns nach Borispol transportiert, von Einmalhandschuhen bis hin zu Medizintechnik. Es sei aber immer schwieriger geworden, Technik in gebrauchtem, aber gutem Zustand oder Lebensmittel über die Grenzen zu bringen.

Erheitert berichtet das Trio von frühen Konvois, bei denen noch einige Augen zugedrückt worden seien. »Die Fleischerinnung Mittelhessen hatte uns mal zwei Paletten Salami mitgegeben«, sagt Knauf. »An der polnischen Grenze wollten sie die Salami sehen. Zwei, drei Würste wechselten den Besitzer, dann duften wir fahren.«

In der Ukraine habe ihn die »überwältigende Herzlichkeit und Gastfreundschaft« der Menschen beeindruckt. »Sie hatten nicht viel, aber alles stand bei Gastessen auf dem Tisch.« Über die Jahre sind auch Freundschaften gewachsen. »Mit den Männern in der Sauna Wodka trinken - sowas vergisst man nicht.«

Ohne die vielen Helfer, aber auch ohne die große Spendenbereitschaft in Langgöns und Umgebung wären die 41 Hilfskonvois mit je rund 1500 Bananenkisten im Gepäck nicht möglich gewesen, betonen die drei. »Es war phänomenal«, sagt Klein. In Langgöns gebe es wohl kaum Vereine und Firmen, die sich nicht irgendwann beteiligt hätten. Einmal sei dem AK sogar eine hohe Erbschaft zuteil geworden. Wichtig sei stets gewesen, die Arbeit zu evaluieren, betont Keller. »Wir haben auch immer auf Transparenz gesetzt, damit die Leute wissen: Die Hilfe kommt an.«

Ende 2022 gehen in Deutschland die letzten Atommeiler vom Netz, bis dahin war es ein langer Weg. »Wir haben schon lange versucht, Initiativen für erneuerbare Energien anzustoßen«, sagt Keller, »es gab hier eine starke Lobby für Atomkraft«. Er berichtet vom »Siemens-Boykott«, den er 1994 dem Unternehmen als Reaktion auf dessen Engagement in der Atomenergie per Brief angekündigt habe. Auch Organisationen wie der BUND hätten sich angeschlossen. »Das hat Siemens richtig geärgert«, sagt Keller hörbar stolz. Schon vor 30 Jahren habe er einen Vortrag zum Thema Atomkraft und Klimawandel mitorganisiert. Sein Fazit: »Die Atomkraft ist ein unendliches Sicherheitsrisiko und hat für den Klimaschutz null Relevanz.«

Bleibt eine Frage: Warum macht der AK gerade jetzt Schluss? »So, wie wir uns mit klarem Bewusstsein gegründet haben, wollen wir uns auch verabschieden«, sagt Klein. »Die Arbeit geht auch an die Substanz, Reinhard ist über 80, wir beiden über 60.« Die meisten Mitstreiter seien längst im Rentenalter - und spätestens beim Beladen der Lkw mache sich das Alter bemerkbar.

»Wir haben schon vor Jahren gesagt: Wir werden es nicht ewig fortsetzen«, meint Klein. Er und seine beiden Mitstreiter wirken nun sehr nachdenklich. »Ich denke, das ist in Borispol von der Auswirkung noch nicht ganz angekommen - erst im Laufe des nächsten Jahres wird es sich richtig setzen.«

 

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