Seit 28 Jahren: Arbeitskreis Leben nach Tschernobyl   

in der Evangelischen Kirchengemeinde Lang - Göns

Eine Erfolgsgeschichte

Oktober 1990: Der damalige Gemeindepfarrer von Lang-Göns, Eberhard Klein, organisiert mit einer Gemeindegruppe eine Begegnungsreise in die damalige Sowjetunion. Auf Initiative von Gerhard Keller (Gießen) trifft sich die Gruppe in der Ukraine mit Menschen, die durch die Tschernobyl-Katastrophe 1986 ihre Heimat verloren hatten. Sie wurden nach Borispol in der Nähe von Kiew umgesiedelt. Nach dieser Reise gründete sich der Arbeitskreis. Seitdem haben wir in dem „Komitee Kinder von Tschernobyl“ in Borispol einen verlässlichen Partner, ohne den die beschriebenen Aktivitäten nicht möglich wären. Mit Natascha Logatschowa und ihrer Organisation arbeiten wir seit 1990 vertrauensvoll zusammen.

Tschernobyl, 26. April 1986: Ein Block des Atomkraftwerks gerät durch menschliches Versagen außer Kontrolle und beginnt zu brennen. Riesige Mengen radioaktiver Strahlung entweichen und verseuchen große Teile der nördlichen Ukraine und Weißrusslands. Die Wolke zieht über Nordeuropa. In Deutschland werden Kinderspielplätze gesperrt, frisches Gemüse wird gemieden. In Tschernobyl selbst sind Hunderttausende meist junge sowjetische Soldaten mit Löscharbeiten beschäftigt. Die meisten werden verstrahlt, viele von ihnen leben nicht mehr, die genaue Zahl wird sich nie ermitteln lassen. Die Städte Pripjat und Tschernobyl sowie zahlreiche Dörfer werden komplett evakuiert, eine „Sperrzone wird eingerichtet, die Gegend ist bis heute unbewohnbar.

Bei der Gründung des Arbeitskreises im Herbst 1990 wurden zwei Ziele festgelegt: humanitäre Hilfe für die Opfer von Tschernobyl und Aufklärung über die Gefahren der Atomenergie. Beide Schwerpunkte wurden konsequent verfolgt, in der langen Zeit haben sich die Aktivitäten natürlich verändert. So sind viele Tschernobyl-Opfer mittlerweile nicht mehr am Leben, unsere Hilfe kommt heute auch Kriegsflüchtlingen aus der Ost-Ukraine zugute. Durch den Atomausstieg hat sich die politische Arbeit verändert. Allerdings betrachten wir mit großer Sorge, dass die atomare Bewaffnung einzelner Staaten bei den Konflikten der Welt eine immer größere Rolle zu spielen scheint. Ein weiteres großes Problem ist die Entsorgung des radioaktiven Mülls.

Protestaktion gegen Atommüll, Gießen 1993

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Auf dem humanitären Sektor haben wir sehr viel erreicht, nicht alles kann hier geschildert werden, nur so viel: Das Krankenhaus in Borispol wurde mit Betten und Kliniksmaterial ausgestattet, wir konnten den OP-Trakt ausbauen. Die Klinik bekam aus Langgöns OP-Tische, Ultraschallgeräte und EKG-Geräte, Spritzen, Kanülen und Verbandsmaterial. Zu Beginn unserer Arbeit richteten wir in Borispol eine Tschernobyl-Apotheke ein, die jahrelang gut gearbeitet hat. Auf dem Gelände der Klinik wurde eine Kleiderkammer aufgebaut, die seit 25 Jahren Bedürftige unterstützt. Wir haben ein Altenheim bei Borispol fast komplett neu ausgestattet: Betten, Wäsche, Kleidung, sanitäre Anlagen, Küche. Schulen und Kindergärten wurden bedacht, ebenso wie Privatfamilien, die wir jahrelang unterstützten. Mehrmals waren Tschernobyl-Kinder zu Ferien-Aufenthalten in Langgöns. Seit etlichen Jahren finanzieren wir in der kalten Jahreszeit von Anfang Oktober bis Ende März in Borispol eine Suppenküche: mehrmals pro Woche werden warme Mahlzeiten an Alte und Alleinstehende verteilt.

Die Robert-Bosch-Stiftung, Stuttgart, hat unsere Arbeit in der Ukraine mit einem größeren Geldbetrag gewürdigt, der in voller Höhe in zwei dortige Projekte geflossen ist: Klinik und Altenheim. Mittlerweile haben wir 28 Hilfstransporte nach Borispol organisiert.

Mitglieder des Arbeitskreises 2015

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Die politische Seite soll nicht unerwähnt bleiben: Hermann Scheer, Gudrun Pausewang, Franz Alt, Horst-Eberhard Richter, Hanns Dieter Hüsch, Holger Strohm, Jochen Stay, Regina Rusch, Ursula Sladek, Lavendelmond, Get Wet, Faberhaft Guth, Nora und Norbert Schmidt, zahlreiche Wissenschaftler des Öko-Instituts und viele andere waren in Langgöns und warnten gemeinsam mit uns vor den Gefahren der Atomkraft. Wir sind jahrelang in den Schulen aufklärerisch tätig gewesen, auch in der Bundes-Zivildienst-Schule in Wetzlar. Wir waren Mitinitiatoren des bundesweiten Protests gegen die Atompolitik des Weltkonzerns Siemens.

Und 2015, als der Arbeitskreis 25 Jahre alt wurde, wurden sieben Frauen unserer Gruppe mit dem Ehrenbrief des Landes Hessen ausgezeichnet.

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Was uns gut tut, ist der jährliche Tschernobyl – Gedenkgottesdienst am 26. April, den wir seit Jahrzehnten durchführen.

Eine Erfolgsgeschichte - ganz zweifellos. Die meisten von uns sind von Anfang an dabei – und 28 Jahre hinterlassen Spuren. Noch können wir die Arbeit leisten, doch die Kräfte lassen nach. Wir freuen uns bei jedem Sammeltermin, bei jedem Transport über viele, die helfen. Wir würden uns noch mehr freuen, wenn es mehr wären: Menschen, die eine große Befriedigung darin finden, anderen zu helfen.

Kontakte: Elke Kutscher, Tel. 06403/4887; Gerhard Keller, Tel. 0641/58775781; Sigrid Blochwitz, Tel. 06403/71853; Rosi u. Reinhard Knauf, Tel. 06403/5588.

www.ak-tschernobyl-langgoens.de

Verantwortlich: Reinhard Knauf, Gerhard Keller