Große Ausstellung „25 Jahre nach Tschernobyl“

Im Juni 2011 fand in der Kongresshalle Gießen (KiZ) eine Ausstellung unter dem Motto  „25 Jahre nach Tschernobyl – Menschen – Orte – Solidarität“ statt. Die  Wanderausstellung, die aus Fotos und Berichten besteht, wurde erarbeitet durch das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk Dortmund und Kiew und der Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte „Johannes Rau“ Minsk. Verantwortlich für die Ausstellung in Gießen war die Justus-Liebig-Universität, Historisches Institut, Osteuropäische Geschichte. Auch der Arbeitskreis „Leben nach Tschernobyl“ beteiligte sich mit eigenen Bildern und Berichten an der Ausstellung. Eingeladen waren als Zeitzeugen Natascha Logatschowa (Leiterin unserer Partnerorganisation in Borispol) und Anatoli Kifa aus Kiew.
Natascha Logatschowa, die in der Stadt Pripjat nahe Tschernobyl bis zur Katastrophe lebte, berichtete, dass erst Tage nach der Katastrophe der Aufruf zur Evakuierung erfolgte. Auf Fragen wurde ihnen mitgeteilt, dass die Evakuierung auf drei Tage begrenzt sei und so seien sie mit kleinem Gepäck und etwas Proviant aufgebrochen, aber nie wieder zurückgekehrt. "Nach der Evakuierung wurden wir als Umsiedler im ganzen Land verteilt. Meine Familie und ich kamen nach Borispol. Für mich gibt es ein Leben vor und ein Leben nach Tschernobyl“. Daher sei es für sie wichtig gewesen, beim Aufbau der Hilfe für krebskranke Kinder mitzuwirken und Kontakte zu Menschen. die wirklich helfen wollten, zu knüpfen.

Als Hubschrauberpilot zum Totenbataillon


Anatoli Kifa war Hubschrauberpilot und wurde noch in der Nacht der Katastrophe aus seiner Wohnung in Kiew zum Einsatz abkommandiert. Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nichts genaues, er wurde jedoch zu absolutem Schweigen verurteilt. Wie alle Liquidatoren musste er ungeschützt über dem havarierten Reaktor tausende Tonnen Blei abwerfen. Sie seien damals 750 Soldaten in seiner Brigade gewesen, wovon heute noch 80 leben. Diese Brigade trägt heute den Beinamen „Totenbataillon“. Wenn er sich die Berichterstattung über den Atomunfall in Fukushima betrachte, so sehe er viele Parallelen zu Tschernobyl. Auch er muss, wie alle Liquidatoren und Evakuierten, um Anerkennung kämpfen. So werden weder die gesundheitlichen Folgeschäden vom Staat anerkannt noch die Kosten für die Behandlung erstattet. Auch er betonte, dass er dankbar dafür sei, dass ihm in Deutschland die Möglichkeit gegeben wurde, stellvertretend für alle Liquidatoren über die Ereignisse und die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten berichten zu können. Der ukrainischen Regierung wäre es lieber, wenn sie schweigten und es die Opferorganisation gar nicht geben würde. Beide Zeitzeugen haben den Besuchern die Ereignisse so nahe gebracht, wie es keine Ausstellungstafel vermag.

Christel Dern / Sigrid Blochwitz

Berichtsjahr: 2011

 

20 Jahre Arbeitskreis „Leben nach Tschernobyl“

Jubiläumsgottesdienst am 17.Oktober 2010 in der Evangelischen Jakobuskirche

Während des Gottesdienstes zum 20-jährigen Bestehen des Arbeitskreises „Leben nach Tschernobyl – an dem auch Gäste aus Borispol teilnahmen - hat Pfarrer Eberhard Klein in der Langgönser Jakobuskirche die Atomkraft mit dem Bau des Turms von Babel verglichen. Dieser sei für die Menschen vor 3000 Jahren ebenso nicht beherrschbar gewesen wie heute die Atomkraft. Klein betonte, dass alles menschliche Handeln umkehrbar sein müsse, dies aber bei der Nutzung der Atomkraft nicht möglich sei. Damit stelle sich der Mensch über die Schöpfung. Zudem gebe es über die Atomkraft viel zu viele Babel allein in Deutschland: Für viele Menschen in Stuttgart sei »Stuttgart 21« ihr Babelturm, für die Menschen in Gorleben sei das dort geplante atomare Endlager ein Babel und für die Südhessen das Atomkraftwerk Biblis, sogar amtlich bestätigt. Für Klein selbst und auch für die Mitglieder des Arbeitskreises sei ihr Babelturm der Reaktor in Tschernobyl: „Ruinenhaft und zugleich strahlend tödlich!“ Die Botschaft ist: Wenn der Mensch so sein will wie Gott, hat er die Grenze bereits überschritten und ist auf dem besten Weg, sich überflüssig zu machen, sich selbst zu evakuieren.

Christliches Glaubensbekenntnis steht auf dem Spiel
Mit der Atomkatastrophe 1986 ist mehr zerbrochen als nur ein Atomreaktor, es steht weit mehr auf dem Spiel, nämlich auch das christliche Glaubensbekenntnis. Wenn Menschen die Machbarkeit aller Dinge für möglich halten, dann kommt die Schöpfung und die Mitwelt und der Mensch unter die Räder kommen. Dann verlieren Menschen ihre Heimat, werden zerstreut in alle Welt, wie es nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl geschehen ist. Dann müssen Menschen Haus und Hof verlassen und verlieren den Boden unter ihren Füßen. Deutlich wird: Der Mensch als Geschöpf bleibt immer begrenzt. Wir sind ermahnt, Grenzen des machbaren anzuerkennen und diese Grenzen in den Vordergrund der Überlegungen zu stellen. Angesichts der Fehlbarkeit des Menschen muss alles einen fehlerfreundlichen Charakter haben. Fehlerfolgen müssen prinzipiell begrenzbar sein, die Folgen der Nutzung der Atomenergie dagegen sind unumkehrbar. Diese Technik erweitert menschliches Handeln ins schier Unermessliche. Eine Umkehr hier nicht möglich, alleine schon wenn man an jene die Vorstellungskraft übersteigende Halbwertzeit atomarer Reststoffe denkt, die über zahlreiche Generationen hinweg sicher verwahrt werden müssen. Deshalb kann die Atomkraft zu keiner Zeit eine Brücke in ein Zeitalter der erneuerbaren Energien sein, sondern bestätigt allein die Macht der herrschenden Atomliga.

Pfarrer Eberhard Klein

Berichtsjahr: 2011

 


Seit mehr als 20 Jahren: Gorleben Gebet
An diesem Sonntag passt das Gorlebener Gebet nicht mehr an seinen gewohnten Andachtsplatz im Wald. Rund 250 Menschen sind gekommen, Männer und Frauen in Wanderschuhen, Ältere mit Klappstühlen, Jugendliche in bunten Winterjacken. Sie stellen sich mitten auf den Weg. Der Platz im Wald vor den drei Holzkreuzen ist zu klein an diesem Sonntag. Viele sind zum ersten Mal hier, sind neugierig, was das wohl sein soll: das Gorlebener Gebet. Andere kommen seit mehr als 20 Jahren Sonntag um 14 Uhr in den Wald hinter dem Erkundungsbergwerk, und zwar so oft wie sie können. Seit 1989 ist noch nie eine Andacht ausgefallen. Im Sommer sind 30 bis 40 Menschen da, im Winter um die 20, erzählt Organisatorin Christa Kuhl. Egal, ob die Sonne brennt oder eisiger Wind durch die Schneise pfeift. An diesem Sonntag ist es kalt, aber die Sonne scheint. Die Teilnehmer stehen im Kreis auf dem Waldweg, es ist unruhiger als sonst. In der Nähe haben sich hunderte Menschen zur Sitzblockade niedergelassen, Botschaften werden über Megaphone durchgegeben, Polizisten und Reporter sind da. Doch die Betenden lassen sich nicht stören. Teilnehmer des Gorlebener Gebets fühlen sich gestärkt. Stefan und Nadia El Karsheh sind an der Reihe. Das Pastoren-Ehepaar beginnt mit einfachen Liedern mit Gitarrenbegleitung. Strom gibt es hier nicht, die Predigt der beiden muss trotz der Unruhe an diesem Sonntag ohne Lautsprecher verstanden werden. Sie wird verstanden, denn die beiden Wendländer wissen, was Demonstranten brauchen. In der Predigt geht es um den Propheten Elia, den Mann, der sah, was andere nicht sahen, der von Gott beauftragt war und in dieser Rolle als Sonderling galt. "Auch wir hier im Wendland haben einen Prophetenauftrag".

Protestieren ist anstrengend
"Wir sehen etwas, was andere nicht sehen und haben den Auftrag, es anderen zu erzählen. Und wir sind auch sonderbar", sagt Stefan El Karsheh. Die Einheimischen lächeln. Die Besucher, die von weiter her gekommen sind, nicken, denn an diesem Wochenende verstehen sie die besonderen Wendländer und ihren standhaften Protest gegen den Castor. Jetzt hier beim Gorlebener Gebet stehen sie nur wenige hundert Meter von der Lagerhalle mit den strahlenden Abfällen entfernt. Die Hallen des Erkundungsbergwerks können sie sehen, und auf dem Weg hierher haben sie erlebt, was es heißt, dass 17.000 Polizisten im Einsatz sind: Sie stehen im Wald, an Brücken, an Straßenkreuzungen. Ausnahmezustand im sonst so ruhigen Kreis Lüchow-Dannenberg mit seinen idyllischen Backstein-Dörfchen. Unruhe, Stress. Sie wollen keinen Atommüll, und sie wollen keine Transporte mehr. Das Protestieren ist anstrengend. Jedes Jahr wieder Demos, Kundgebungen, Sitzblockaden, Treckerblockaden. Dazu der Frust über "Entscheidungen der Regierung", Nadia El Karsheh meint die Verlängerung der Atomlaufzeiten, die dem Wendland unzählige weitere Protestaktionen bringen wird. Es ist anstrengend, zermürbend, frustrierend. Bei vielen hier liegen die Nerven blank, ihnen geht es wie dem Propheten Elia: "Er hat sich zum Sterben hingelegt. Das ist konsequent", sagt Stefan El Karsheh und will damit natürlich niemanden auffordern, es dem Propheten gleichzutun – im Gegenteil: "Es käme dem Sterben gleich, nichts mehr verändern zu wollen", so versucht er, Mut zu machen. In der biblischen Erzählung bekommt Elia von Gott etwas zu essen. Er ruht sich aus, isst noch einmal und hat daraufhin Kraft für einen 40-Tage-Marsch. "Gott stärke und bewahre Euch mit seiner Kraft", sagt der Pastor zu den Versammelten und hebt dabei die Hände zum Segen. Dann gibt es ein Abendmahl, einfache Brotscheiben, von denen jeder ein Stück abbricht und dem nächsten sagt: "Gott stärke dich".

Stärkung durch das Abendmahl
Sie brauchen diese Stärkung. Sie brauchen den Zuspruch, die Gemeinschaft mit den anderen, die Gewissheit, dass ihr Streiten nicht umsonst ist, und dass alle Wendländer "Sonderlinge" mit ihrem gemeinsamen "Prophetenauftrag" in die gleiche Richtung marschieren. In der Fürbitte wird um Beharrlichkeit, Frieden, Kreativität und um Bewahrung der Schöpfung gebeten. Dann geht der Pastor durch die Reihen und legt den Teilnehmern die Hände auf den Kopf zum Segen. Ein bewegender Moment. Nächste Woche sind andere an der Reihe, beim Gorlebener Gebet darf sich jeder mit Liedern, Texten, Gebeten einbringen. Evangelische und katholische Frauengruppen, Jugendkreise, Eine-Welt-Gruppen und Chöre bringen sich ein. Buddhisten waren schon da und haben tibetische Fahnen in den Wald gehängt, selbst indianische Tänze wurden vor den drei Holzkreuzen aufgeführt. Zwei der Kreuze stammen aus den Achtziger Jahren, die wurden in so genannten "Kreuzwegen für die Schöpfung" von Wackersdorf und Krümmel zu Fuß nach Gorleben getragen. Damals gab es durchaus kritische Stimmen aus Kirche und Politik, heute stellt niemand mehr das Gorlebener Gebet in Frage.

Gemeinschaft mit Gott
Als die Polizei das Gebet vor Jahren überwachen wollte, lehnten die Organisatoren das ab, erzählt Koordinatorin Christa Kuhl. Bei einer gottesdienstlichen Veranstaltung sei keine Polizei erwünscht, die Beamten dürften aber gern in zivil kommen und teilnehmen. Das taten zwei Polizisten, setzten sich unauffällig zu den Betenden. Nach einer Weile tauchten sie mit ihren Frauen und Kindern wieder an den Holzkreuzen auf: Sie hatten einen Urlaub im Wendland gebucht und wollten ihren Familien zeigen, dass es so etwas gibt: Menschen, die sich seit mehr als 20 Jahren sonntags hier treffen und singen, beten, zuhören. Weil sie die Hoffnung nicht aufgeben wollen und in der Gemeinschaft mit Gott und den Mitstreitern Stärke finden.

Dieser Text stammt von Anne Kampf, Redakteurin bei evangelisch.de
 
Bearbeitung: Gerhard Keller

Berichtsjahr: 2011

 

Gedenkgottesdienst am 25. Jahrestag der Atomkatastrophe von Tschernobyl am 26.04.2011

25 Jahre nach Tschernobyl = 47 Tage nach Fukushima = AUSSTEIGEN FÜR IMMER !

Es ist in unseren Gedenkgottesdiensten am Jahrestag der Atomkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 schon immer gesagt und beschrieben worden – nun ist deutlicher denn je: 25 Jahre nach Tschernobyl und 47 Tage nach Fukushima: Die Atomenergie ist im letzten nicht beherrschbar. Die ihr innewohnende zerstörerische Kraft übersteigt die Fähigkeit des Menschen zur Verantwortungsübernahme. Wir werden auf die Frage zurückgeworfen, was unser menschliches Maß ist. Menschen sind Geschöpfe, die zu großartigen Leistungen fähig sind, dabei aber immer auch Fehler machen können. Niemand ist perfekt. Die Technologien, die wir benutzen, können daher auch nicht perfekt sein. Deshalb müssen sie fehlerfreundlich ausgelegt werden. Mögliche Störfälle dürfen bei keiner Technologie der Welt zu unabsehbaren Katastrophen führen, wie das bei der Atomkraft der Fall ist.

Kirchensynode für Atomausstieg
Die uns als Christinnen und Christen von Gott aufgetragene Verantwortung für die Menschen und die gesamte Natur erfordert einen sorgsamen Umgang mit der uns anvertrauten Schöpfung. Schon 1986 sprach sich die Kirchensynode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau für einen Verzicht auf Atomenergie aus. Das gilt auch noch heute. Wir brauchen einen schnellen und konsequenten Ausstieg aus der Kernenergie. Ein Ende der Atomkraft hat für Hessen als deutlichste Konsequenz, dass die beiden Atomreaktoren Biblis A und Biblis B dauerhaft abgeschaltet bleiben müssen. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in den Reaktoren beschäftigt sind, müssen sozialverträgliche Lösungen gefunden werden. Ein zukunftsfähiger Umgang mit Energie ist nicht nur eine politische und technische Herausforderung. Sie ist auch eine Anfrage an unsere energiehungrige Weise des Wirtschaftens und des Lebens. Gefordert ist ein ökonomischer, sozialer und kultureller Wandel. Es wäre wünschenswert, diesen Wandel nicht nur als Zwang, sondern auch als große Chance für ein gerechteres Miteinander von Mensch und Umwelt auf der gesamten Erde zu begreifen.

Dank des Kirchenpräsidenten
Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hat in dieser Hinsicht bereits eine einmalige europaweite Solidaritätsbewegung hervorgebracht. So unterstützt auch die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau Projekte in Weißrussland, die die Spätfolgen von Tschernobyl zu lindern versuchen. Zahlreiche Kinder müssen dort ständig in radioaktiv belasteten Gebieten leben. Viele von ihnen haben gesundheitliche Probleme durch die dauerhafte Strahlenbelastung. Jährlich kommen rund 350 Kinder in das Gebiet unserer Landeskirche, um sich zu erholen. „Allen, die sich engagieren, danke ich sehr“, so schreibt Kirchenpräsident Dr. Volker Jung zum heutigen  Gedenktag - “ Sie leisten wertvolle Hilfe und zeigen zugleich, wie wichtig es ist, über die eigenen Grenzen hinweg Verantwortung in Europa und in dieser Welt wahrzunehmen.“
Und wir sagen in diesem Gottesdienst heute: WIEDER – nach 1986 in Tschernobyl , und nun in Japan – WIEDER schmelzen Brennelemente, wieder sind Lebensgrundlagen verseucht und werden lange – viele, viele Generationen verseucht bleiben, WIEDER fliehen hunderttausende Menschen und WIEDER sollen wir glauben, dass so etwas in Deutschland nicht passieren kann? ES REICHT! Wir fordern die Stilllegung aller Atomanlagen in Deutschland: Machen  wir es allen anderen auf der Welt als Vorreiter vor und läuten das Ende des Atomzeitalters ein! Amen.

Pfarrer Eberhard Klein

Berichtsjahr: 2011